Padre Roy Brasilien/Haiti über Menschenrechte (Juni 2007)

 


11821992740 Padre Roy mit Dritt-Welt-Koordinatorin Gerborg Meister und Bernd Lobgesang


„Die Ungerechtigkeit in Brasilien ist das größte Übel.“
Pater Roy berichtete im Comenius-Kolleg über seine Arbeit
Pater Roy ist ein geselliger Mensch, der gerne lacht und zu Späßen aufgelegt ist. Dabei ist die Arbeit, die er vor zehn Jahren in Brasilien aufgenommen hat, alles andere als lustig. Der gebürtige Haitianer leitet seit dieser Zeit das Menschenrechtszentrum der Diözese von Nova Iguaçu in der Nähe der Millionenmetropole Rio de Janeiro.
Jetzt war er Gast am Comenius-Kolleg in Mettingen. Vor den Studierenden der beiden ersten Semester dieser Schule des Zweiten Bildungsweges berichtete Pater Roy, dass in keinem anderen Land der Welt außer Tansania das Bruttosozialprodukt ungerechter verteilt ist als in Brasilien. „10% der Einwohner verfügen über 40% des nationalen Reichtums, während die ärmsten 60% sich mit 20% des Bruttosozialprodukts zufrieden geben müssen.“ Am untersten Ende der brasilianischen Gesellschaft leben ca. 40 Millionen von insgesamt 185 Millionen, die kaum wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Genau sie sind das wichtigste Klientel des Menschenrechtszentrums, und von ihnen gibt es in Nova Iguaçu und anderen Satellitenstädten Rios außergewöhnlich viele. „Wir kümmern uns hauptsächlich um Kinder, Frauen, Alte und Häftlinge. Die Rechte dieser vier Gruppen werden besonders oft von der Justiz, der Polizei und anderen Behörden des Staates verletzt“, berichtete Pater Roy und zeigte auf seinen Dias Elendsviertel, Straßenkinder, Müllhalden und überfüllte Gefängniszellen, in denen die Häftlinge aufgrund des Platzmangels immer nur schichtweise schlafen können.
Das Menschenrechtszentrum hat trotz der ungelösten Probleme der Region schon viel erreicht. In einem Heim für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre finden heute 50 Minderjährige, die Opfer von familiärer Gewalt geworden sind, eine neue Bleibe. Sie gehen zur Schule und erlernen später einen Beruf, damit sie nicht auf der Straße landen, drogensüchtig oder das Opfer polizeilicher Gewalt werden. In Verhandlungen mit Bürgermeistern und anderen Politikern ist es dem Menschenrechtszentrum gelungen, vielen Armen ein Stück Land zu besorgen, auf denen sie ein Haus bauen und einen Garten anlegen können. „Die Armen organisieren sich unter unserer Anleitung selbst und besetzen ungenutztes Land“, erklärte dazu Pater Roy. „Wir stellen die Kontakte zu den Politikern auf den verschiedensten Ebenen her und versuchen Übergriffe der Polizei zu verhindern.“ Immerhin konnten auf diese Weise in den letzten zehn Jahren durch die Legalisierung von Landbesetzungen 5.000 Familien eine menschenwürdige Wohnung mit Abfallbeseitigung, Elektrizität und Kanalisation bekommen. Das Menschenrechtszentrum setzte sich zudem erfolgreich bei den Banken dafür ein, dass die armen Familien Kleinkredite erhielten. Trotz dieser und anderer Erfolge im Bereich der Respektierung der Menschenrechte, die Brasilien in den letzten Jahren im sozialen Bereich erzielen konnte, ist es immer noch ein weiter Weg bis zu wirklich demokratischen Verhältnissen. „Die soziale und politische Ungerechtigkeit in Brasilien ist das größte Übel“, fasste Pater Roy deshalb den Inhalt seines Vortrages zusammen. Er betonte, dass nur aufgrund der finanziellen Unterstützung durch den Arbeitskreis Pater Beda das Menschenrechtszentrum überleben kann. Der Arbeitskreis übernimmt etwa 70% der anfallenden Kosten. Interessant für den einen oder anderen Zuhörer war auch Pater Roys Hinweis am Schluss seines Vortrages, dass Jugendliche aus Deutschland mit Hilfe des Arbeitskreises Pater Beda ein Praktikum in einer der sozialen Einrichtungen des Menschenrechtszentrums von Nova Iguaçu machen können.
Text: Bernd Lobgesang, Foto: Sascha Wachtling