Nikolaus von Myra und Santa Claus (Dezember 2007)

 


12002305520 Der Santa Claus (auch Santa Claas) des US-Kommerzes.


Nikolaus? Klar, den kennen wir alle doch. In der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember, in manchen Gegenden auch erst in der folgenden Nacht, zwängt sich der Mann mit dem weißen Rauschebart und dem roten, weiß abgesetzten Morgenrock durch Schornsteine in die Häuser, schleicht sich zu Schuhen und Stiefeln, die blank geputzt, aufgereiht wie zu einer Parade am Bett stehen, und füllt sie - zur Freude der Zahnärzte - mit allerlei Süßigkeiten. Tagsüber sitzt er dann im Kaufhaus oder läuft zum Klang von weihnachtlicher James-Last-Musik durch die Einkaufsstraßen.
Das war's dann wohl. Also, schnell weiterklicken!
Oder?


12002305521 Nikolaus, Bischof von Myra


Nikolaus von Myra
Wer allerdings noch ein wenig mehr Zeit hat, für den sind hier ein paar Dinge angeführt, die mit der der Karikatur des Hl. Nikolaus, die, vor allem aus den USA kommend, in unsere Fernsehprogramme und "Erlebnisshops" Eingang gefunden hat, nichts zu tun hat. Vielmehr sollen ein paar Gedanken zur Geschichte der Verehrung des Hl. Nikolaus folgen.
Gab es „den“ Nikolaus wirklich?
Ja und nein! Nur so kann die Antwort lauten. Bis heute liegen keine gesicherten historischen Zeugnisse vor, die die Existenz einer einzigen Person belegen, der in den Nikolauslegenden die vielfältigsten Wunder zugewiesen werden. Es sind wohl zwei historische Personen gewesen, auf die sich die Legenden beziehen.
Verehrt wird in der römisch-katholischen Kirche, in der griechisch- und russisch-orthodoxen Kirche, aber z.B. auch in der lutherischen schwedischen Kirche Nikolaus von Myra, der im 4. Jahrhundert wohl Bischof dieser Diözese war. Myra ist das heutige Demre in der Türkei. 
Das antike Myra besteht aber nur noch aus Ruinen. Die Gebeine des Heiligen, der z.B. seit dem achten Jahrhundert auch der Patron Russlands ist, befinden sich seit 1087 in Bari/Italien, nachdem Seeräuber sie aus der Grabkirche in Myra stahlen. Bari ist also neben Myra zweiter Ort der Nikolausverehrung.
Nikolaus wurde um 300 Bischof von Myra. In den bald einsetzenden Christenverfolgungen unter Galerius Valerius Maximinus erlitt er um 310 Kerkerhaft und Folter. 325 war er dann als Teilnehmer am Konzil von Nicäa, noch immer von der erlittenen Folter gezeichnet. Viele Überlieferungen jener berühmten Kirchenversammlung tragen seine Unterschrift.
Einer der 14 Nothelfer
Der Hl. Nikolaus gilt in manchen Gegenden als einer der 14 Nothelfer, einer Gruppe von 14 Heiligen, die etwa seit dem 14. Jahrhundert - zunächst in Süddeutschland nachgewiesen - in bestimmter Not um Hilfe gebeten werden. Er ist der Schutzpatron der Gefangenen, der Bäcker, Apotheker, Schiffer, der Hanse-Kaufleute, der Juristen, ganz besonders aber der Kinder und der Schüler.
Noch ein Nikolaus
Die ursprüngliche Legende um den Hl. Nikolaus geht aber wohl nicht auf den Bischof selbst, sondern auf die Gestalt des Abtes Nikolaus des Klosters Sion bei Myra zurück, der 546 starb. In diesem Jahrhundert breitete sich die Nikolausverehrung zuerst aus.


12002305522 Hasenfenster in Paderborn. In Mettingen St. Agatha gibt es auch eines.


Nikolaus und die Zahl 3
Die Legenden werden immer stärker ausgeschmückt, z.T. mit extremen Phantastereien versehen. Nikolaus gibt drei jungen Frauen, die von ihrem Vater zur "Anschaffung" der Aussteuer ins Bordell geschickt werden sollten, drei Beutel Gold und rettet so ihre Keuschheit. In einer anderen Ausschmückung dieser Legende verhilft er ihnen zur Heirat. Nikolaus wird mit drei Broten dargestellt, weil er die Stadt Myra vor einer Hungersnot gerettet haben soll. Nikolaus errettet drei Gefangene, manchmal auch nur ein Kind, bewahrt drei Unschuldige vor dem Henker, erweckt drei zerstückelt eingepökelte Schüler.
Die drei ist für jene Zeit eine wichtige Zahl, ist doch gerade erst auf dem Konzil von Nicäa die Trinitätslehre (Lehre von der Dreifaltigkeit), die ja nicht ausdrücklich im Neuen Testament bezeugt ist, als Dogma, als verbindliche Glaubenslehre festgelegt worden.
Die Bräuche, wie wir sie heute kennen, gehen sehr stark auf mittelalterliche Spiele zurück. In den geistlichen Schulen wurde am 6. Dezember das Kinderbischofsspiel, ludus episcopi puerorum, aufgeführt. Für einen Tag schlüpfte ein Kind in die Rolle des Bischofs. Die nordelbische evangelische Kirche hat den alten Brauch der Kinderbischöfe übrigens vor einigen Jahren wieder aufgegriffen. Dort gibt es für die einige Wochen drei Kinderbischöfe, einen Jungen und zwei Mädchen. Das mittelalterliche Spiel war fast immer mit Umzügen durch die Stadt verbunden.


12002305533 Nikolaus ist nicht Weihnachtsmann.


Nikolausfest = Außenfest
Hier zeigt sich schon ein weiteres wichtiges Element des Nikolausbrauchtums. Im Gegensatz zum eher familiären, nach innen gerichteten Weihnachtsfest ist das Nikolausfest ein Außenfest, daß in der Kirche und auf der Straße gefeiert wurde und wird.
In vielen Gegenden bekam Nikolaus einen Begleiter, den Knecht Ruprecht, Krampus, Gangerl... Häufig ist der Begleiter ein rauher Geselle. Das bedeutet, er ist in Pelzwerk (Rauchwerk) gekleidet. 
Schenken und Strafen verbinden sich oft in der Doppelgestalt des Nikolaus und des Ruprecht. In jüngerer Zeit betreten die beiden die Wohnungen, um Geschenke zu bringen, in manchen Gegenden auch um zu strafen, wobei Rute, Sack und Ketten gezeigt und benutzt werden. Hier ist die Figur des Nikolaus leider oft zu einem Kinderschreck verkommen, dem die Eltern vorher noch "Schandtaten" der Kinder zuflüstern oder gar aufgelistet überreichen.
In vielen Kindergärten, Schulen und Familien aber kommt der Nikolaus als Symbolgestalt für menschliche Güte und Freundlichkeit gerade auch den schwächsten Gliedern der Gesellschaft gegenüber, den Kindern. 
Der alte Brauch zum Nikolausfest soll uns ein wenig einstimmen auf adventliche und weihnachtliche Gedanken, auf Verständnis und Freundlichkeit untereinander.
Also: Allzeit willkommen Nikolaus in unserer Schule!

Text: Hupsy. Literatur: Vera Schauber/Hans Michael Schindler: Die Heiligen und Namenspatrone im Jahreslauf, München 1985; Meyers Großes Taschen-Lexikon, Schlagworte: Nikolaus und Nothelfer, Mannheim 1981; Ingeborg Weber-Kellermann: Saure Wochen, frohe Feste. Volksbräuche im Wandel, München 1985.