Ein lichterfüllter Abgrund - Fastenmeditation (Februar 2010)


„Ein lichterfüllter Abgrund“ Fastenmeditation 2010 v. Franz Voß

Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy. „Herr Gott Du bist unsere Zuflucht“ aus: „Sechs Sprüche für achtstimmigen Chor“, Op 79

Im Zentrum unseres Glaubens steht der gekreuzigte Christus. Wer Christ sein will, kommt an ihm, dem Leidenden und der Not der Menschen, wie an den Beeinträchtigungen des Lebens nicht vorbei. Immer wieder steht er fassungslos vor dem unerträglichen Leid, das Menschen anderen zufügen. So wird das Kreuz Christi zur Chiffre und zum Symbol menschlichen Leidens, aber auch der christlichen Hoffnung. Das Kruzifix ist Denkmal des irdischen Todes Christi, ist Hinrichtungszeichen, aber es ist auch Zeichen der Hingabe, das den Triumph der Erlösung in sich trägt. 
So sollte es sein, aber wir wissen alle, dass der gekreuzigte Christus unzumutbar geworden ist und die Botschaft von ihm leisetreterisch verdrängt wird. Da muss eine neue Betroffenheit her, die uns erneut erschüttert, wie im folgenden Kunstwerk W. Kaupp.



Bild: Werner Kaupp: „Christus“, 15.10. 1977

Knaupp schreibt zu diesem Bild:
»Ich habe dort eines Tages eine Figur gezeichnet, die nicht richtig im Raum stand. Ich wollte sie wegwerfen. Aber dann habe ich sie zu retten versucht, indem ich sie auf der Fläche verspannt habe. Und plötzlich sah sie aus wie eine Kreuzigung. Da ist mir ganz heiß geworden, denn ich war der Meinung, dass man heute überhaupt keine Kreuzigung mehr malen kann. Seit Grünewald nicht mehr. Ich habe den Körper gezeichnet wie einen Gegenstand, der 2000 Jahre benutzt wurde - ausgelaugt, ausgebrannt. Ich habe den Körper dann noch vermenschlicht und den Brustkorb noch besonders betont. Und dort, wo der Kopf, das Allerheiligste ist, habe ich ganz bewusst mit Feuer ein richtiges Loch hinein gebrannt.«

Ausgelebt, aufgebraucht, ausgebrannt, rechnen wir mit allem und erwarten nichts mehr. Dann das überraschend andere. 
Der Kopf ein Loch, das Denken weg gebrannt, wo der Glaube beginnt? Nicht unvernünftig, aber Vernunft übersteigend! 
An der Grenze des Denkens stehst Du im Glauben. 
„Ohne die Erlösung wäre die Welt eine Wüste der Hoffnungslosigkeit. Ohne den, der uns Gottes Liebe bezeugt hat, gliche unser Dasein einer Frage ohne Antwort, einem Weg ohne Ziel, einem Gefängnis ohne Tür, einer Sehnsucht ohne Erfüllung. Nun aber sind wir erlöst.“ Bischof Georg Moser

In einem Gespräch wird der jüdische Dichter Franz Kafka (1883-1924) gefragt: "Was ist Glaube?"
"Wer den Glauben hat, der kann ihn nicht definieren und wer ihn nicht hat, auf dessen Definition lastet der Schatten der Ungnade. Der Gläubige kann nicht, und der Ungläubige sollte darum nicht sprechen. Die Propheten sprechen eigentlich immer nur von den Stützpunkten des Glaubens und nie vom Glauben allein."
"Es spricht aus ihnen der Glaube, der über sich selbst schweigt."
“Ja, so ist es." "Und Christus?" Kafka neigte den Kopf.
"Das ist ein lichterfüllter Abgrund. Man muss die Augen schließen, um nicht abzustürzen."
Franz Kafka, zitiert von Gustav Janouch

Der gekreuzigte Christus, ein „lichterfüllter Abgrund“, ein Gedanke am Abgrund des Denkens, den man im Kopf nicht aushält, der weg gebrannt wird und der deshalb in Europa beginnt zu verdunsten. 
Und doch das „Mysterium fascinosum“: Der Menschgewordene Gott, der sich dem Tod übergibt, um ihn zu brechen. 
Die Botschaft vom gekreuzigten Christus ist keine Bequeme, aber sie ist Sinn gebend bis ins absurd Erscheinende, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen - der paradoxeste Gedanke, der je zu glauben gewagt wurde und an dem sich unser Christsein entscheidet.

Wir haben als Christen den lebendigen Gott als Gekreuzigten in Wort und Tat zur Sprache zu bringen, einen auf Menschlichkeit bedachten Gott, der sich in Kreuz und Auferstehung Jesu offenbart hat. 

Hatte einst Nietzsche die Verkündigung des Todes Gottes als die größte geistige Tat des Menschen bezeichnet, so ist sie aber auch zugleich der geistige Tod des Menschen. Wir müssen nicht nur Zeugnis gegen den Tod Gottes ablegen, sondern mehr noch gegen den Tod des Menschen protestieren. 

In der Bezeugung der Rettung des Menschen, auf dessen Seite der gekreuzigte Jesus steht, bedürfen wir des Glaubens, eines Glaubens, den das Milieu nicht mehr trägt. Glaube ist nicht immer zur Verfügung. Glaube ist immer auch durchkreuzter, angefochtener Glaube, auch in der Kirche selbst.
Aber Jesus akzeptiert auch einen Glauben im Unglauben, wenn er betet: „ Gott mein Gott, warum hast Du mich verlassen.“ Er zweifelt und glaubt doch! So wird er für uns zum „Christus“. 

Was hilft? Die adäquateste Art zu glauben ist, wie Jesus es vorgemacht hat, immer mit Gebet verbunden. Gebet ist der Ernstfall des Glaubens und durch nichts zu ersetzen. Zum Glauben gehört das Hören, die Fähigkeit ein Hörender zu sein. Im Hören wird mir Antwort, trotz aller Fragen, die nicht unmittelbar beantwortet werden. 

Deshalb lasset uns mit Frere Roger gemeinsam beten:
„Lebendiger Gott, um zu versuchen,
dich verständlich zu machen,
bist du durch Jesus Christus als ein Armer auf die Erde gekommen.
Und diesen abgelehnten, an ein Kreuz gemarterten,
tot in ein Grab gelegten Jesus hast du auferweckt.

Niemand kann den Tod Jesu verstehen, 
ohne diesen zunächst als Auferstandenen zu begreifen.
Blitzartig erahnt man das Geheimnis:
Christus, deine Jüngern wie uns stellst du die Frage:
Wer bin ich für Euch?
Du bist der Lebendige.“
Frere Roger

Felix Mendelssohn-Bartholdy: „Um unserer Sünden willen“ aus: „Sechs Sprüche für achtstimmigen Chor“, Op. 79