Erstesemester, Babaçu-Nüsse, Eine Welt (März 2010)
Neugier wecken - Fremde Werkzeuge auf dem Boden


Eine-Welt-Tage für die Erstsemester - Neues Sommersemester nimmt Fahrt auf
Für 90 Studierenden begann zwar bereits am 01.02. mit dem Semesterbeginn und der traditionellen Begrüßung durch Pater Osmar im Comenius-Kolleg und dem Studienkolleg ein neuer Lebensabschnitt, der sie an die deutschen Hochschulen und Universitäten führen soll. Doch nahmen
am 02.03. jetzt erstmals in der langen Geschichte der Eine-Welt-Tage am Comenius-Kolleg auch die ausländischen Studierenden des Studienkollegs an diesen Projekttagen teil und so saßen junge Menschen aus 20 Nationen im Schultenhof zusammen, um dem Einführungsvortrag von Maria do Rosário über die Babaçu-Nussknackerinnen im brasilianischen Bundesland Maranhão zuzuhören. Sie schilderte eindrucksvoll die schwierige Lebenssituation unter dem wachsenden Druck der Großgrundbesitzer und zeigte wie mit Axt und Schlagstock die steinharte Schale der faustgroßen Nüsse geknackt wird, um an die ölhaltigen Kerne zu gelangen, aus denen sie Öl und Seife herstellen, um sie auf den Märkten zu verkaufen. Nach dem anschließenden Gespräch verteilten sich die „Ersties“ auf verschiedene Gruppen unter der Leitung der Lehrerin Gerborg Meister und den Teamern aus höheren Semestern.

Die jungen Studierenden aus einer Welt beschäftigen sich in den nächsten Tagen mit Themen wie Globalisierung und Kinderarbeit. Sie haben dieses Mal das Glück auch direkt voneinander und übereinander zu lernen, was es heißt in einer Welt zu leben, und sie können erfahren, wie das Handeln des Einen sich auf den Anderen auswirkt. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppen werden der Schulgemeinschaft vorgestellt, somit bleibt ein Schwerpunkt der Arbeit des Kollegs in Mettingen auch in Zeiten des Zentralabiturs für alle sichtbar und erfahrbar.
Text: Gerborg Meister


12691678181 Maria do Rosário


Babaçu ist unser Leben! Besuch aus Brasilien im Comenius-Kolleg
Frauen schließen sich zusammen und verändern ihr Situation.
Maria do Rosario sitzt auf dem Boden im Schultenhof vor den studierenden der ersten Semester von Comenius-Kolleg und Studienkolleg. Ihr Werkzeug - ein Handbeil und ein Schlagholz - liegt vorbereitet vor ihr: Mit einem Bein hält sie das Handbeil fest, legt eine Babaçu-Nuss auf die Klinge und mit einem leichten und sehr präzisen Schlag knackt sie die Nuss. Dann lächelt sie die Studierenden und Lehrenden an, zeigt allen die Nusshälften und beginnt zu erzählen. Über die Babaçu-Nuss und über die Quebradeiras de Coco Babaçu - die Babaçu-Nussknackerinnen Brasiliens.
In den vier Bundesländern Piauí, Pará und Tocantins wächst die Babaçu-Nuss und gehört zur natürlichen Vegetation Amazoniens. Sie sät sich selbst aus und wächst überall dort, wo die Bedingungen für sie günstig sind. Die Babaçu-Palme wird bis zu 15 Meter hoch und trägt bei jeder Ernte bis zu 500 kokosnussähnliche, zehn Zentimeter große Nüsse. Die Palme und die vielen Produkte, die aus der Nuss hergestellt werden, gehören zum Alltag der Menschen in der Region. Aus den Kernen werden hochwertige Speise- und Kosmetiköle hergestellt, die neben Essenszubereitung auch zu Seife und Waschmittel weiterverarbeitet werden. Das kakaoähnliche Pulver aus dem Mark wird als Brei gegessen. Die Fasern und Blätter der Palme werden Körben, Dächern oder Hauswänden verarbeitet und aus den Nussschalen wird Holzkohle gewonnen.
Traditionell werden die Babaçu-Nüsse in ländlichen Gemeinden von Frauen in Gemeinschaftsarbeit gesammelt und in die Dörfer transportiert. Auch das Aufbrechen der Nüsse übernehmen fast ausschließlich Frauen: Da die Schalen der Babaçu-Nuss extrem hart sind, ist das Aufbrechen der Nüsse mit Hilfe von Handbeil und Schlagholz ein echtes „Handwerk“. Bisher kann die anstrengende Tätigkeit nicht von Maschinen verrichtet werden, da sie die kostbaren Kerne beschädigen. Sammelwirtschaft ist für die lokale Bevölkerung in Amazonien eine Überlebensstrategie: die Nüsse der Babaçu-Palme werden nachhaltig genutzt und sichern die Ernährung von rund 400.000 Menschen. 


12691678192 Informationen aus erster Hand. Erstsemester von Comenius- und Studienkolleg hören gebannt zu.


Um das Überleben ihrer Familien zu sichern, brauchen die Babaçu-Sammlerinnen freien Zugang zu den Palmen. Rinderzüchter und andere agroindustrielle Unternehmen behindern dies, sie lassen große Gebiete einzäunen, verwehren den Zutritt oder zwingen die Frauen, ihre Tagessammlung abzugeben, und entziehen den Frauen so die Lebensgrundlage. Extensive Viehwirtschaft zerstört die Marschlandschaft, die vorher von der Bevölkerung genutzt wurde, um Gemüse anzubauen. 
Die Zuhörer erfahren aber auch, dass die Frauen das alles nicht einfach nur hinnehmen. Um sich gegen illegale Landnahme zu wehren und ihre Lebensgrundlagen zu erhalten, kämpft die Bewegung der Babaçu-Nussknackerinnen für den freien Zugang zu Palmen auch auf Privatland und eine nachhaltige Nutzung des Babaçu. Ab 1990 haben die Frauen begonnen, sich zu organisieren und anschließend die Bewegung der Babaçu-Nussknackerinnen MIQCB gegründet. Neben der politischen Arbeit und der Stärkung der Selbstorganisation der Frauen fördert die Bewegung auch die Verarbeitung der Nüsse und die Vermarktung von Babaçu-Produkten.
Die schon 1957 gegründete unabhängige Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) aus Berlin fördert MIQCB seit 2003. In Bairro Novo, am Rand des Städtchens Penalva im Bundesland Maranhão, bauten 150 Nussknackerinnen mit Unterstützung der ASW eine Produktionsstätte für Speiseöl, Seife und Waschpulver auf. Für das Comenius-Kolleg war diese Veranstaltung im Rahmen der Einführung der Erstsemester erneut ein wichtiger Bericht aus erster Hand.
Text des ASW Berlin angepasst an die Veranstaltung im Comenius-Kolleg
Fotos: Gerborg Meister