„Lidl lohnt sich“ –auch für den Fairen Handel?

 

Seit Lidl - und andere Discounter - faire Produkte anbieten, ist der Umsatz des Fairen Handels immens gestiegen. Wie diese und andere Entwicklungen des Fairen Handels zu beurteilen sind, wollten einige Studierende des VWL-Grundkurses des 6.Semesters bei ihrem Besuch im Aktionszentrum 3.Welt in Osnabrück erfahren und diskutieren. Denn sie hatten sich in diesem Semester u.a. mit dem Fairen Handel als Alternative zum traditionellen Wirtschaften im Sinne von „ethischem“ und „nachhaltigem“ Konsum auseinandergesetzt.

 Empfangen wurden sie von Reinhard Stolle, dem Bildungsreferenten des A3W e.V., der sie zunächst über dessen Geschichte und Erfolge informierte. Der seit 1982 bestehende Verein sei Weltladen und Bildungsträger, eine Art „sanfter Politisierer“. Seit einem Umbau Ende der 90er Jahre würden die Produkte des fairen Handels in moderner und transparenter Form präsentiert. So könne man den Laden als „Herz des fairen Handels in Osnabrück“ sehen, der die kommunale Entwicklungszusammenarbeit immer wieder belebt habe. Bei der Stadt Osnabrück etwa würden nur faire Produkte verwendet, Osnabrück sei seit einigen Jahren „Fair-Trade-Town“ und es gebe einen eigenen fairen „Osnabrück-Kaffee“, der an vielen Stellen in der Stadt angeboten werde.

In der Diskussion über den Fairen Handel stellte Reinhard Stolle heraus, dass durch dessen Wachstum inzwischen 4 bis 5 Millionen Kleinbauern geholfen wird. Dass nicht alle Produkte von Kleinbauern hergestellt werden und bei der Produktion auf Plantagen neben den Arbeiterinnen und Arbeitern auch die Besitzer profitieren, wurde z.B. anhand der Produktion von Rosen v.a. in Kenia besprochen, die inzwischen einen Großteil der in Deutschland angebotenen Rosen ausmachen. Es bestand Einigkeit darüber, dass nicht alle sozialen Probleme gelöst werden und die Massenproduktion zu Umweltschäden führt, ebenso über die ökologische Fragwürdigkeit des Transports der Blumen mit dem Flugzeug. Aber natürlich würden nur wenige Flüge zum Transport der Blumen aus Kenia zu uns benötigt, verglichen mit dem dichten Flugverkehr in Deutschland. Wiederum könnten auch wir im Sinne eines „nachhaltigeren“ Konsums zeitweise auf Produkte wie Rosen verzichten, denn im Sommer – aber nur dann - haben Blumen, die in Europa produziert werden, eine bessere CO2-Bilanz .

Thematisiert wurde im Gespräch auch die missliche Situation mit einer Vielzahl von Siegeln und Labeln. So ist z.B. die teilweise Abwendung der GEPA vom Fairtrade-Siegel umso unverständlicher, als kirchliche Organisationen Gesellschafter bei GEPA und Transfair sind. Ebenso unbefriedigend ist die Situation bei Textilien, da das Fairtrade-Siegel sich teilweise nur auf die Produktion der Baumwolle bezieht und nicht z.B. auf die Arbeit in Textilfabriken in Bangladesh oder China.

Hier wie auch an anderen Punkten des Gesprächs forderte Reinhard Stolle dazu auf, den Fairen Handel trotz der vorhandenen Probleme und Widrigkeiten zu unterstützen. Und auch wenn es sich bei der Aufnahme fairer Produkte durch Lidl eventuell um eine Marketingaktion gehandelt habe, habe das den Fairen Handel weiteren Menschen zugänglich und bekannt gemacht und dadurch könne mehr Menschen im Süden dauerhaft und verlässlich geholfen werden.

 

Gunther Biesewig